Drei Anläufe bis zum Produkt
SimStrats ist kein Wochenendprojekt, sondern der dritte Anlauf an derselben Frage. 2024 entstand ein erstes „Cidix Strategy Tool“ mit Express und MongoDB. Es kannte bereits Rennen, Fahrer, Stintdauer, Boxenzeit und Abwesenheiten, war aber ein Konzept. Im September 2025 folgte Chronicle Strats: Next.js, Convex, Clerk, ein erster Stintplaner und ein Teamchat.
Im April 2026 wurde das Produkt als SimStrats in einem neuen Codebestand aufgesetzt. Stintplaner und Live-Dashboard wurden aus Chronicle Strats übernommen und weiterentwickelt, das Datenmodell für Fahrer und Stints blieb in seinen Grundzügen gleich. Seit dem 28. April 2026 läuft die Plattform öffentlich auf einem eigenen Server.
Diese Vorgeschichte ist für die Fallstudie wichtig. Sie zeigt, dass die Fachlogik über mehrere technische Generationen getragen hat. Neu geschrieben wurde, was nicht mehr passte, nicht alles auf einmal.
Ein Stintplan ist ein Regelwerk
Ein Team trägt für jeden Fahrer Regeln ein: maximale Stintlänge, Mindestruhe, maximale Gesamtfahrzeit, Zeiten, in denen jemand nicht kann. Ein Validator prüft sieben Regeltypen und meldet Verstöße am konkreten Stint. Ein Solver erzeugt daraus einen Vorschlag für die Reihenfolge der Fahrer.
Die interessante Stelle sind gesperrte Stints. Wenn ein Teamchef einen Stint festgelegt hat, plant der Solver um ihn herum. Die gesperrten Minuten zählen sofort zur Gesamtfahrzeit des Fahrers. Das Ende des letzten Stints wird aber erst fortgeschrieben, wenn die Planung diesen Zeitpunkt tatsächlich erreicht. Sonst würde ein gesperrter Stint in drei Stunden denselben Fahrer schon jetzt wegen fehlender Ruhezeit blockieren.
Wie lang ein Stint wird, hängt von Rundenzeit und Verbrauch ab. Beide Werte werden pro Fahrer gestuft ermittelt: zuerst aus Rennrunden, dann aus Trainingsrunden, dann aus dem Median der Teamkollegen auf derselben Strecke, zuletzt aus Standardwerten. Daraus ergibt sich die Reichweite einer Tankfüllung und damit die Stintlänge.
Für Nachtrennen zeigt der Planer Tag- und Nachtphasen auf der Zeitleiste. Sie werden aus den Streckenkoordinaten mit einer astronomischen Näherung berechnet, ohne externen Dienst.
Telemetrie nur vom richtigen Fahrer
Während des Rennens liefert SimHub auf dem Rechner des Fahrers Daten aus der Simulation: Sprit, Reifen, Rundenzeiten, Bremsen. Gemeinsame Zuordnungstabellen übersetzen die Felder pro Simulation. Verifiziert auf echter Hardware ist bisher Assetto Corsa; ACC, iRacing und Le Mans Ultimate sind im Code vorbereitet.
Entscheidend ist, wessen Daten ankommen dürfen. In einem Team laufen oft mehrere Rechner mit SimHub, etwa beim Training oder als Zuschauer. Eine Prüfung nimmt Daten nur an, wenn der Absender als Fahrer eingetragen ist, auf derselben Strecke in einer Rennsitzung fährt und laut Plan gerade dran ist. Ruht die Simulation, werden keine Datenbankschreibvorgänge ausgelöst.
Die Desktop-App ist mit Tauri und Rust gebaut. Sie fragt SimHub zehnmal pro Sekunde ab, speichert ihren Zugangsschlüssel in der Windows-Anmeldeverwaltung und puffert Rundenspuren. Parser und Prüfregeln wurden eins zu eins aus TypeScript nach Rust übertragen und auf beiden Seiten getestet, damit Web und Desktop dieselben Entscheidungen treffen. Zugangsschlüssel speichert der Server nur als Hash. Ein verteilter Installer existiert noch nicht.
Die KI schlägt vor, ein Mensch entscheidet
Im Rennchat kann jedes Teammitglied den KI-Renningenieur mit @strats ansprechen. Die Anfrage geht mit den letzten Nachrichten an Gemini, jeweils mit dem Namen des Absenders, damit das Modell weiß, wer was gefragt hat. Die Antwort wird gestreamt und im Verlauf gespeichert.
Das Modell hat genau ein Werkzeug: Es kann eine Stintänderung vorschlagen. Der Vorschlag landet als offener Eintrag in der Datenbank und ändert nichts am Plan. Erst wenn jemand im Team auf „Übernehmen“ klickt, wird er wirksam. Im Rennen ist eine falsche automatische Änderung teurer als ein zusätzlicher Klick.
Jeder Tarif hat ein monatliches Tokenkontingent, das vor jeder Anfrage geprüft wird. Bei einer Sicherheitsprüfung fiel auf, dass ein Client Nachrichten als Assistent hätte ausgeben können. Seitdem schreibt nur noch ein serverseitiger Pfad, der ein gemeinsames Geheimnis verlangt, Antworten der KI in den Chat.
Teilen, ohne Namen preiszugeben
Ligen und Teams wollen Rennen zeigen, etwa im Stream. SimStrats erzeugt dafür einen Freigabelink mit einem 192-Bit-Token. Die öffentliche Seite und drei OBS-Overlays für Stints, Boxenfenster und Strategie lesen über eigene Abfragen. Fahrernamen werden dort durch Platzhalter wie „Driver A“ ersetzt. Die Overlays haben einen transparenten Hintergrund und lassen sich direkt als Browserquelle einbinden.
Betrieb gehört zum Produkt
SimStrats läuft auf einem eigenen Linux-Server hinter nginx, nicht auf einer Plattform, die Kosten und Grenzen vorgibt. Abonnements laufen über Clerk Billing; der Tarif eines Nutzers wird nur über einen signaturgeprüften Webhook gesetzt. Fehler landen in einem eigenen Protokoll mit Admin-Ansicht, eine öffentliche Statusseite zeigt den Zustand von API, Datenbank, E-Mail und KI.
Nutzer können ihre Daten selbst exportieren und löschen. Erinnerungsmails vor Rennstart, Einladungen per E-Mail und das Aufräumen veralteter Daten laufen als geplante Aufgaben im Backend.
Was noch fehlt
SimStrats ist in einer geschlossenen Beta, und das ist ernst gemeint. Die Strategie für reine Zeitrennen braucht noch eine feste Rundenzahl. Fahrerwechsel werden nicht automatisch erkannt, es gibt keine Positions- und Abstandsdaten zu Gegnern und noch keine mobile Rennansicht. Die Oberfläche der App ist bisher nur englisch. Vor einer offenen Beta stehen der Wechsel auf produktive Anmeldeschlüssel, eine rechtliche Prüfung und die Hardware-Verifikation weiterer Simulationen an.
Was diese Arbeit für Ihr Projekt zeigt
Das Rennen ist hier der Anlass, nicht die Grenze. Ein Stintplan mit Höchstdauer, Ruhezeit und Abwesenheiten ist strukturell eine Schicht- oder Einsatzplanung. Telemetrie, die nur von der richtigen Quelle angenommen wird, ist ein Problem jeder Geräteanbindung. Ein Sprachmodell, das Vorschläge macht, aber nichts selbst ändert, ist ein Muster für KI in jedem Fachwerkzeug.
SimStrats zeigt, dass CIDIX ein solches System vom Datenmodell bis zum zahlenden Nutzer entwickelt und betreibt. Und offen benennt, was davon fertig ist.


